Jeckenklaaf Berichterstattung aus dem Kölner Karneval

Kajuja: aller Anfang ist schwer

Geschrieben von Klaus Huber - Rubrik: Vorstellabende 2010

Vorstellabend der Kajuja, 02.10.2010, Theater am Tanzbrunnen, 19:00

War der bevorstehende Köln-Marathon schuld am schleppenden Beginn des diesjährigen Vorstellabends-Marathons? Viele Besucher, Künstler und auch Moderator Lukas Wachten kamen erst auf den letzten Drücker im Theater am Tanzbrunnen an, weil fast der ganze Stadtteil Deutz bereits am Vorabend für den Start des 42-Kilometer-Laufs abgesperrt war.
Und so kam der Vorstellabend der Kajuja nur schleppend in die Gänge.

Den Anfang machte der Neuling Christian Wirtz. Rechtsanwalt von Beruf, machte er sich an eine seit den 70-er Jahren ausgestorbene Gattung der (gewollten) „Litsch-Rede“: Ein Redner gibt solange solchen Stuss von sich, bis das Publikum ihn von der Bühne pfeift und ausbuht – eben „litscht“, wie man auf Kölsch sagt. Christian Wirtz hat sein Ziel so etwa halb erreicht: Es gab vereinzelt Pfiffe.


Ihrefelder Zigeuner

Immerhin wurde sein Vortrag vom Musikzug der „Ihrefelder Zigeuner“ jäh abgewürgt. Diese Gruppe habe ich schon letztes Jahr ausführlich beschrieben. Dieses Jahr taten sich leichte Atonalitäten zwischen Gesang und Schellenbaum auf – die nur noch von Menschen im Publikum übertroffen wurden, denen die Ehrenfelder das Mikrofon hinhielten. Aber immerhin kam so etwas wie Fastelovendsflair auf.

Ralf Hirsch, der „Kölsche Harry“, kam wieder im Image wie ein US-Singer/Songwriter auf die Bühne. Auffällig ist, dass er stimmlich über das gleiche Tremolo wie sein Sohn Michael, der Sänger von Hanak, verfügt. Die Musik aus der Konserve, die er bei den Stücken eins und drei einsetzte, war zu laut und wirkte gekünstelt, vor allem, wenn auch noch eine zweite und dritte Stimme aus dem Lautsprecher kamen. Sein zweites Lied kann unter die Haut gehen: Es beschreibt die klaffende Ungleichheit zwischen Jugendlichen, die mit ihrem neuesten I-Phone protzen und einem alten Mann, dem das Geld für ein Kölsch fehlt. Da war er, der Kölsche Liedermacher.

Köllsche Dillendöppcher

Um möglichst viele Tanzgruppen Platz einzuräumen, entschloss sich die Kajuja, sie zeitsparend in Zweierpacks auf die Bühne zu schicken. Und so kamen die Kinder- und Jugendtanzgruppe der Altstädter, die „Kölsche Dillendöppcher“, sowie die Tanzgruppe „Kölsche Domputzer“ gemeinsam auf die Bühne. Die „Dillendöppcher“ nehmen sich das Motto des Rosenmontagszugs 2011 zu Herzen: „Köln hat was zu beaten“. Sie tanzen zu Kölscher Musik, zu Rock- und Beatmusik. Sechs Mädchen fegen in bunter Sixties-Hippie-Montur über die Bühne, andere halten Transparente mit den Helden ihrer Lieder hoch: Abba, Beatles, Bee-Gees, Bläck Fööss, Brings, Höhner. Dillendöppcher 2010 – da ist kreativ geplant sowie fleißig trainiert und gearbeitet worden.

Die „Original Kölschen Domputzer“ tanzen auffällig oft mit den Händen auf dem Rücken. Ihrem Namen entsprechend gebrauchen sie mehr als einmal ihre Besen als Turngerät im Tanz. Insgesamt machten sie dem Publikum so viel Dampf, dass Lukas Wachten sich zu einer Bemerkung genötigt sah, die eigentlich keinem echten Narren gefallen dürfte: „ Ist doch irre, auf Knopfdruck sind die Leute an einem 2. Oktober in Karnevalsstimmung.“

Das Duo „Harry & Achim“ war schon vor Jahren Kajuja-Mitglied, dann wechselten die beiden zum „Kreis Rheinischer Karnevalisten“, um es dann im letzten Jahr beim „Literarischen Komitee“ zu versuchen, wo sie an Niveau zulegen konnten. Dieses Jahr fallen sie wieder zurück in mehr oder weniger witzige Kölsche Alltagsbegebenheiten um Auto, Frau und Glatze. Leicht angestaubt sprechen sie von einem „langhaarigen Bombenleger“. Leicht zotig wird bei Erwähnung des Worts „Glocken“ auf die Hose des Nebenmanns geäugt. Für eine „Litschrede“ wie bei Christian Wirtz am Anfang war das Ganze allerdings noch zu originell.

Die „Paraplüs“ durften zum zweiten Mal nach ihrem Neustart ran, allerdings gleich um einen Mann weniger als im Vorjahr. Das erste Lied mit den Versatzwörtern „Nanana“ und „Alle Mann“ klang fast wie ein Stück der Höhner. „Bella Colonia“ ist ein Walzer, bei dem einige Besucher im Saal mitschunkeln. Die beachtlich intensive Publikumsanimation funktioniert dann endgültig im letzten Stück mit Choreo-Anleitung und Shalala-Refrain.

Rheinmatrosen

Erneut kamen zwei Tanzgruppen auf einmal auf die Bühne – dieses Mal vom selben Verein: die „Rheinmatrosen“ in der Kinder- und Jugend-sowie in „Großen“-Ausgabe. Es ist ein putziges Bild, wenn die Kleinsten sich in ihren schmucken Uniformen aufführen als wären sie Erwachsene beim Gardetanz, sich dann aber manchmal auf der Bühne etwas verloren vorkommen. Die Großen kamen voller Begeisterung rüber und sie werfen nicht nur leichtgewichtige Mädchen, sondern reihenweise auch Männer durch die Luft. Ihre auffälligste Nummer war, als sie ein Ruder dazu benutzten, eine Tänzerin in einer Art menschlichen Schiffschaukel um das Holz zu schleudern. Das Ganze kam sehr harmonisch und flüssig rüber, und der Ausmarsch zu „Y.M.C.A.“ war ein weiteres, letztes Highlight der Rheinmatrosen.

Inzwischen hatte sich das Programm bereits um 25 Minuten nach hinten verschoben, und daran waren nicht mehr die Absperrungen schuld.

Schmitz Backes mit Udo Beyers

Und es schlug die Stunde von Schmitz-Backes, dem Zauberer, der seinen ganzen Berufsstand verulkt, dem „Bütten-Zauberer“, wie man ihn auch nennt. Er legte wie gewohnt los. Doch dann: Scheinbar ganz nebenbei holte er Udo Beyers, den Präsidenten der Karnevalsgesellschaft „Unger uns“, auf die Bühne, zog ihm vorne eine halbe Frackjacke an. Dazu einen Chapeau Claque. Von hinten griff Schmitz-Backes durch die Ärmel des Fracks und vollführte nun ein Zauberstückchen nach dem anderen – und es sollte so aussehen, als vollführe Udo Beyers die Zauber-Show. Der wusste nicht, wie ihm geschah, machte aber gute Miene zur jecken Zauberei. Urkomisch!
Schmitz-Backes gelang der unterhaltsamste Auftritt des ganzen Abends.

Die „Pänz vun Gereon“ begannen als Kölscher Kinderchor, begaben sich dann allerdings auf ein ziemliches biederes Schlagerniveau. Unter der Überschrift „Ob das alles so richtig ist?“ zeigten sie den 1. FC Köln als Fahrstuhlmannschaft, Angela Merkel und Guido Westerwelle oder U-Bahn-Bautrupps der KVB. Eine wahre Energieleistung vollbrachten die beiden jungen Sängerinnen: zu einem Musikplayback sangen sie 20 Minuten am Stück. Wie immer glänzte die Kinder- und Jugendtanzgruppe mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und Kostümen. Ein buntes Bild!

Cat Ballou

Und es war Zeit für die Neuentdeckung des Abends: die Vier-Mann-Band „Cat Ballou“, Durchschnittsalter 24. Sie stehen im Halbfinale des zurzeit laufenden Wettbewerbs „Köln rockt“. Und wie es aussieht, haben sie das Zeug, im Kölner Karneval Fuß zu fassen. Mit simplen Gitarren-Riffs und einfachen, aber wirkungsvollen Drumbeats kommen sie als lupenreine Indie-Pop-Band rüber. Ihr Lied vom 11. Gebot („Karneval ze fiere“) ist ein gerappter Reggae, der gut swingt. Viel Beifall. Das schnörkellos einfache „Wir feiern mit Pauken und Trompeten“ bekam sehr viel Beifall.
Für „Hanak“, die in der Kajuja groß geworden sind und bald beim Vorstellabend des KKK auftreten, stehen mit „Cat Ballou“ heiß dotierte Anwärter für die Nachfolge am Start.

Als Puffer zur nächsten Band spielte das Saalorchester Markus Quodt „When the saints go marching in“, und man wusste nicht genau, auf wen sich das bezog. Jedenfalls kam das Stück mit Druck und Swing daher.

Wohin gehört „Knittler“? Bekannt wurde die Band über die „Loss mer singe“-Community. Die letzten zwei Jahre verbrachten die Musiker um Stefan Knittler im Literarischen Komitee. Das dritte Lehrjahr nahmen sie nicht mit, sondern heuerten bei der Kajuja an, die „Loss mer singe“ nahesteht. Back to the roots also. Und zur Kajuja scheinen sie im Prinzip besser zu passen. Stefan Knittler & Co. brachten drei altbekannte Lieder, die sich im Kajuja-Publikum aber trotz Plattenvertrag noch nicht groß kommuniziert haben.

Gérard mit Dino und Freddy“ ist der Bauchredner der Kajuja, seit 16 Jahren. Gerhard Rother unterhält sich zu dritt: er spricht als er selbst, als gelber Affe Dino und als schwarzer Affe Freddy, letzterer mit dunkler Reibeisenstimme. Das ist Konzentrationssache. Unnötig ist ein Behindertenwitz der drei.

LMF Los mer fiere

Loss mer fiere“, die Entdeckung des Vorjahres, kam mit einem neuen Frontman auf die Bühne – Marcus Kaetz. LMF bietet einen druckvollen Kölsch-Rock-Auftritt à la Brings mit Bühnen-Effekten wie „Stage Diving“ und Knallefekt aus der E-Gitarre. Im mittleren ihrer drei Stücke brachten die Fünf mit „Jede jeck es anderes“ eine sentimentale Ballade mit vierstimmigem Gesang. Eine gute Live-Band! Und „Loss mer fiere“ hat das Zeug, 2011 einen richtigen Karnevals-Hit zu landen: „Kopping vum Shopping“ – „Kopfweh vom Shopping“. Es ist Samstag, und SIE überredet IHN, in die Stadt zum Shopping zu gehen. Das Unvermeidliche nimmt seinen Lauf…
Sehr viel Beifall!

Die Filue

Die Filue machten den Abschluss: nach Fusion mit der Gruppe „Nullacht-15“ ist aus dem Quartett eine Fünf-Mann-Gruppe geworden – und nun mit Natur-Schlagzeug. Nur logisch, dass dementsprechend das erste Lied vom „Trömmelche“ handelte. Geblieben ist der Gute-Laune-Ansatz der Filue, genau wie ihr kräftig-kehliger, mehrstimmiger Gesang.

Der erste Vorstellabend 2010 war vorüber, und das Fazit ist, nur „Cat Ballou“ und „Schmitz-Backes“ brachten Neues. „Loss mer fiere“ hat alles, um einen Sessions-Hit zu landen.

Über

Karneval begleitet ihn sein ganzes Leben. Als Kind trommelt er bei der alemannischen Fastnacht, später ist er fünf Jahre lang in Rio de Janeiro mit der Samba-Welt auf Du und Du. Seit 18 Jahren berichtet er über den Kölner Karneval in all seinen Facetten, vom Vorstellabend bis zur Nubbel-Verbrennung.