Muuzemändelcher: Experiment Wolkenburg gelingt 1

5. Vorstellabend: Muuzemändelcher, 17. Oktober 2010, Wolkenburg, 16:00 Uhr

 

Es war angerichtet in der feinen Wolkenburg zur noblen Muuze-Soirée – bei Latte Macchiato, heißer Schokolade, Weißburgunder, Kölsch, Kabänes, Cognac.
Und als erstes ertönten altertümliche Weisen aus einem edlen bronzefarbenen Grammophon: „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia.“
Der neue Muuzemändelcher-Chef Thomas Cüpper gab denn auch unumwunden zu, „wir Muuze wollen gern dat ahle Kölle verkörpern.“

 

Da passte es auch, dass „SakkoKolonia“ mit ihrer Hardcore-Krätzchen-Musik den Anfang machten und das Motto der Soirée anstimmten: „Kumm eren un setz Dich jet.“ Das zweite Lied handelte vom Älterwerden. Der Saal wurde unruhiger, und Bettina Wagner von SakkoKolonia gestand, „wir sind froh, dass die Muuze uns ‚Dinosauriern‘ eine Heimat geben.“

Und es wurde lebendig im Saal: die Kinder und Jugendlichen der „Hellige Knäächte un Mägde“ legten eine geschickte Choreographie auf die Bretter: Zu „Pänz, Pänz, Pänz“ tanzten sie Ringelreihen, zu „Samba em Veedel“ und „Mir Kölsche“ entsprechend flottere Tänze. Sie vollführten Hebefiguren wie die Großen und besonders die Mädchen, wenn sie an der Bühnenkante tanzten, wurden umjubelt. Ganz cool zogen sie in einem Moment schwarze Sonnenbrillen auf – Köln hat schließlich was zu beaten. Insgesamt ein sehr schwungvoller Auftritt der zahlreichen Gruppe.

Dagmar Weber ist die Tochter des legendären Kölner Komponisten Fritz Weber (1909-1984), der solche Kölschen Klassiker wie „Ich bin ne Kölsche Jung“, „Nüngzehnhunder Johr steiht uns Kölle am Rhing“, oder „Ach wär ich nur ein einzig Mal ein schmucker Prinz im Karneval“ geschrieben hat. Tochter Dagmar Weber ist Chansonsängerin und präsentierte in der Wolkenburg zusammen mit der Colonia Big Band eine hübsche Kölsche Swingnummer – Kölsch em Ovendkleid.

De Familich“ ist neu bei den Muuzemändelcher. De Famillich, das ist die Band, die durch Kneipen-Mitsing-Konzerte bekannt geworden ist. Das erste Lied kam thematisch ziemlich depressiv daher: Köln ohne Dom, Köln ohne Rhein, Köln ohne Kölsche Sproch, der FC ein Minigolfplatz, der Express nichts mehr als Klopapier… Das wurde vierstimmig und voller Inbrunst vorgetragen, mit ohrwurmtauglichen Harmonien, denen es in der Folkmusik-Besetzung allerdings an Arrangements fehlt. Das zweite Stück handelte von einem Filmriss. Dafür gab es leidlich Beifall. Das Publikum bekam die Familich erst mit dem Kölschen Traditional „Mer sin de Stroß eraff jejange“ in den Griff. Bei der zum Lied traditionell dazugehörenden Choreographie machten gar betagte Herren wie Komponist Günter Eilemann oder der Grandseigneur des Kölschen Liedes, Ludwig Sebus, mit.

Dann kamen sieben Mitglieder des Jugendchors St. Stefan auf die Bühne – der Jugendchor ist das jüngste Vereinsmitglied der Muuzemändelcher. Die offizielle Aufnahme ist am 11.11. bei der Verleihung der „Goldene Muuz“ im Historischen Rathaus – und da wird der Chor auch singen!

Das Duo „Alles Paletti“ lebt vom absurden Kontrast – nämlich, wenn ein wohlbeleibter Äppelsbuur Alltagsbegebenheiten als Opern-Bariton vorträgt. In den Witzen bekamen es Angela Merkel, Guido Westerwelle und die KVB ab: „Wenn ich im Hause Risse seh, baggert da drunter die KVB…“
Einen Witz mit den Stichwörtern Fallschirm und Gasleitung haben wir schon auf einem vorigen Vorstellabend gehört. Immerhin beherrscht „Alles Paletti“ die Kunst, einen Vortrag so aufzubauen, dass am Ende eine energische Pointe steht. Und das gab viel Beifall.

Über die Pänz vun Gereon habe ich schon beim Vorstellabend der Kajuja berichtet. Bei den Muuze waren sie, wohl bedingt durch die Herbstferien, weniger.

Die 2 Jeflappte“, Peter Krempler und Hans Becker, kommen mit Saxophon und Geige auf die Bühne und tun so, als ob sie gleich musizieren wollten. Denkste! Sie ergehen sich in Dialogen zwischen einem Schlauen und einem Doofen, der eine beschimpft den anderen, und der weiß nicht, warum. Wortspiele wie das von „Lektor, Hector, Hektar, Neckar“ und Witze vom Muster „Häste Uhreping, musste zom Urologe jonn“ bewirken, dass ihr Auftritt gefühlte 45 Minuten dauert.

KölschKonfekt“, also Ulla Barthel (Quetsch und Gesang) und Vera Michelmann (Gesang), besingen im ersten Lied eine Schönheitskönigin vom Sachsenring, wechseln dann in einer Ballade zu einem sentimentalen Spaziergang am Rhein, wobei die szenischen Akzente manchmal übertrieben wirken. Im dritten Lied steigt die Colonia-Big Band ein, und da kommt Leben in die Bude. Das Stück endet mit einem authentischen, schrillen Kikeriki!

De Putzfrau vum Rothus“, Renate Baum, kommt mit einer Rede in herrlichem Kölsch. Sie erzählt Erfahrungen aus ihrer Tätigkeit als Putzfrau im Kölner Rathaus. Da geht es um städtische Baustellen, Graffiti-Sprayer, das Festkomitee oder, ganz aktuell, um die neue Stadtkämmerin. In die Fraktionsbüros von Pro Köln und der Linken stellt sie „Verpissdichpflanzen“. Und sie verbreitet natürlich Rathaus-Klatsch: Barbara Moritz von den Grünen will in Köln Wasserbusse einführen. Oberbürgermeister Jürgen Roters hat ein schlagendes Gegenargument: „Aber wir haben doch schon einen Se-bus, und der leistet seit 80 Jahren gute Dienste!“ Und der ganze Saal freute sich für Ludwig Sebus, der am Ehrentisch saß. Recht viel Beifall gab es für die “Putzfrau vum Rothus”.

De Heinzelmänncher zo Kölle“ sind eine Tanzgruppe, bei der 7 Paare Paartanz aufführen. Die Kölsche Musik wird von CD eingespielt. Und manchmal sieht es mehr nach Turnübungen als nach Gardetanz aus.

Frank-Peter Neu war vor Jahren mit der Gruppe „Bajasch“ unterwegs und seit einiger Zeit heißt es “F. P. Neu & Fründe“. Und so, wie sie ihren Auftritt begonnen haben, sind sie mein Geheimtipp für Literaten: kurz vor Sitzungsbeginn als origineller ‚walking act‘ zwischen den Stuhlreihen mit dem Gassenhauer „Am dude Jüdd“ und anderen Kölschen Hits von Willi Ostermann. Das schafft Vertrautheit mit dem Publikum und direkt gute, jecke Stimmung! In dem 6/8-Popsong „Loss mer noch jet blieve“ schaffte es Frank-Peter Neu, als erster Sänger des Tages klar und verständlich rüberzukommen. Lied Nr. 3 beschäftigte sich mit dem schwäbischen Akkordeonspieler des Quartetts – es ging um eine Art gesamtdeutschen Kölschen Stammbaum. Insgesamt ein stimmiger Auftritt!

„Mer trecken mit dem Spaten nach Melaten, wo die besten Würmer warten.“ Mit diesen und anderen Sprüchen rund um das Anglerleben wartete Dä Kölsche Angler, Frank Friederichs, auf. Typengerecht gekleidet und bestes Anglerkölsch sprechend, stellt er sich mutig an den Bühnenrand und macht erst mal das Publikum an, es solle doch bitte aufpassen – auch, wenn es schon spät sei. Es war 19:35 Uhr! Das Orchester wusste gar nicht, wie ihm geschieht, als ihm vom Angler angebliche Tusch-Faulheit vorgeworfen wurde. Und dann tischt er eine Anglergeschichte nach der anderen auf – bloß, dass er selbstverständlich noch nie einen Fisch gefangen hat, höchstens seine Frau viereinhalb Kilo Rotbarsch-Filet aus dem Supermarkt. Zu „Ti amo“ singt er „Räucherfisch“ und verkündet „Fischlein, deck dich!“ Er sei der schlechteste Angler von Köln, schlechter sei nur noch das Zugmotto „Köln hat was zu beaten“. Nach einem flammenden Appell gegen Comedy- und Ballermann-Karneval erntete der Kölsche Angler sehr viel Beifall. Zurecht: Frech, selbstbewusst, Kölsch und mit fester Stimme – diesen Angler sollte man sich merken.

Und dann kamen zwei Darbietungen aus Bonn, die das bisherige Niveau locker übertrumpften: die „BlechHarmoniker“ glänzen jedes Jahr bei den Muuzemändelcher. Dieses Jahr singen sie auch noch – den „Treuen Husar“. „Hey, Kölle“ kommt ganz schön jazzig daher, und zum bekannten „Reise nach Jerusalem“-Spiel spielen sie „Denn wenn et Trömmelche jeiht…“ Jedes Jahr aufs Neue brillant musikalisch und extra komisch. Standing Ovations!

Der zweite Programmbeitrag aus Bonn, der die Muuze-Soirée ungemein aufwertete, war der Auftritt der Poppelsdorfer Schloss-Madämchen und Schloss-Junker. Sie bieten ein karnevalistisches Tanztheater, das mit den Auftritten von „normalen“ Tanzgruppen nur wenig zu tun hat. Mit ein bisschen Klamauk, viel Humor und guter Laune stellen sie Kölsche Lieder szenisch dar. Besonders plastisch gelungen war das im Lied von „Schmitze Billa“, die von der Marktfrau zur Villenbesitzerin wird. Oder auch in „Du bes die Stadt“, der Ode der Bläck Fööss, in der sie Köln als Frau beschreiben, die in die Jahre gekommen ist. Prima umgesetzt und äußerst schwungvoll getanzt! Auch für den zweiten Bonner Beitrag stand das Publikum in der Wolkenburg auf.

Labbes on Drickes“, so nennen sich Michael Henkel und Guido Streußer. Sie kommen als Musiker auf die Bühne und Drickes kündigt fortwährend mit frommem Blick an, man spiele nun das „Ave Maria“. Kollege Labbes hat nur Schabernack im Kopf und versucht es immer und immer wieder, das Publikum zum La-Lalalala-Stadionsong zu bewegen – was ihm gelingt, und worüber Drickes stinksauer wird und Labbes die Trompete abnimmt. Danach die nächste, dann lässt er sich von Labbes seine Posaune klauen – La-Lalalala… Als nichts mehr geht, schnappt sich Labbes einen Gehstock und entlockt dem nun Blasmusiktöne: La-Lalalala…. Eine reife schauspielerische Leistung muss man vor allem dem Drickes, Guido Steußer, bescheinigen, während Kollege Labbes, Michael Henkel, einiges an Slapstick drauf hat. Dafür gab es reichlich Beifall!

Zum Finale begaben sich Muuze-Chef Thomas Cüpper und Ludwig Sebus, 85, auf die Bühne und sangen ein paar Hits des Altmeisters: „Miese Lade“, „Circus Colonia“, „Wat e paar Bein“, „Luur ens vun Düx noh Kölle“ etwa.

Und dann schloss Thomas Cüpper die Muuzemändelcher-Soirée mit dem, womit „früher alle Ratssitzungen eröffnet und geschlossen wurden“: Dreimol vun Hätze Kölle Alaaf!
Das Experiment Wolkenburg war für die Muuze gelungen.
Auch wenn es die ganze Zeit nach frischer Farbe gerochen hat.

Geschrieben von Klaus Huber

Karneval begleitet ihn sein ganzes Leben. Als Kind trommelt er bei der alemannischen Fastnacht, später ist er fünf Jahre lang in Rio de Janeiro mit der Samba-Welt auf Du und Du. Seit 19 Jahren berichtet er über den Kölner Karneval in all seinen Facetten, vom Vorstellabend bis zur Nubbel-Verbrennung.


Ein Kommentar zu “Muuzemändelcher: Experiment Wolkenburg gelingt

  1. Uwe Modler Okt 19, 2010 23:14

    Hallo Klaus,
    super cool gemacht der Artikel.
    Vor allem die schwarz-weiss Photos passen genial dazu.
    Kompliment !!!!!!!!!
    Mit swingenden Grüßen
    Uwe

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